Das Haus | Hoffmann | Küster | Lambertus | Lehmann
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Eröffnungsrede von Dirck Möllmann

Diese Ausstellung beginnt mit der Merkwürdigkeit, sich hier zu versammeln, wo wahrscheinlich noch niemand der Abendgäste vorher je war. Ausnahmen gibt es immer. Dieser Ort kennt keine Kunstszene, aber Tausende passieren das Haus täglich auf dem Weg zur Autobahn oder umgekehrt nach Bremen hinein. Das Haus ist unbewohnt, eine Restarchitektur an der Neuenlander Straße, eingezwängt zwischen zwei benachbarte Wohnhäuser. Würde der Leerstand abgerissen, stürzten die beiden anderen Gebäude in sich zusammen und so hält sich das rund hundertjährige 3er Ensemble gegenseitig aufrecht. Rechts und links die beiden Häuser sind weiterhin bewohnt. Seit Jahrzehnten leben dort die Bewohner, nun unwillig geworden gegenüber den sich ändernden Nutzungsplänen für den Bremer Süden. Eine neue Autobahnzubringertrasse soll die Stadt entlasten, nicht jeder will das nachvollziehen und für gut befinden. 50 Meter weiter, gleich beim Fitness-Studio hinter den Häusern beginnt die Landebahn des Flughafens. Manches Fenster klirrte durch verwirbelte Luft zu Bruch.

Was hier heute Abend eröffnet wird und für vier Wochen zu sehen ist, wird Kunst im öffentlichen Raum genannt und von der Stadt Bremen gefördert. Die politische wie auch künstlerische Strategie heißt Zwischennutzung. Das Konzept „Raumkante“ haben drei Künstlerinnen aus Bremen entwickelt: Patricia Lambertus, Kornelia Hoffmann, Marion Lehmann und als Gast Ralf Küster aus Berlin. Eingefädelt wurde das Projekt über das Autonome Architektur Atelier Bremen (AAA), das zugleich auch als ZZZ firmiert und unter diesem Namen für die parallel stattfindende Veranstaltungsreihe verantwortlich zeichnet.

Die so genannte Kunst im öffentlichen Raum hat sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer Nischensparte entwickelt, die ebenso attraktiv wie problematisch ist. Denn es war nicht zu verhindern, dass man sich heute, nach den frühen Impulsen zur Demokratisierung des öffentlichen Raums vermittels künstlerischer Interventionen, mit dem Schwinden der öffentlichen Sphäre durch die Zunahme privatwirtschaftlicher Interessen auseinander zu setzen hat. Auch die Planung städtischer Bauvorhaben wird der komplexen Aufgabe zwischen Bürgerbeteiligung, juristischen Feststellungsverfahren, Finanzierungslücken und Sachentscheidungen zu navigieren, kaum noch gerecht.

Neben all den politischen Nuancen, mit denen Künstler im fraglich gewordenen öffentlichen Raum umzugehen haben, ist obendrein der Begriff „Kunst im öffentlichen Raum“ nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Das 20. Jahrhundert hat aus vielfältigen wissenschaftlichen und künstlerischen Perspektiven die Auffassung bestärkt, dass Raum kein neutrales Behältnis sei, das etwas enthielte, wie zum Beispiel Kunstobjekte, sondern dass Raumerleben die Vorstellung und Wahrnehmung von Raum maßgeblich beeinflusst. Biologie und Ökologie, Sinnesphysiologie, Phänomenologie, selbst Soziologie und politische Theorie befragen den Raum auf seine produktiven oder generativen Qualitäten.

Die drei Künstlerinnen und ihr Gast operieren heute inmitten der veränderten Raumbegriffe mit ihrem Gegenstand, dem Haus, der von seiner sozialen Lage nicht zu trennen ist und sie ziehen die einzig folgerichtige Konsequenz, indem sie das Haus selbst zum Gegenstand ihrer Ausstellung machen. Sie zeigen, dass ein scheinbar totes Objekt wie ein leer stehendes Haus, auf den verschiedensten Ebenen zu aktivieren ist, ja, dass es selbst zum Akteur der Gestaltung werden kann, insofern es Interesse und Affektionen weckt, Bewegungen veranlasst, Verhalten steuert oder die Politik auf den Plan ruft. Öffentliche Kunst agiert nie im neutralen Raum, sondern sie lebt von den Bezügen in die Umgebung, die unsere Umwelt ist. Gerne wird künstlerische Gestaltung speziell für den Ort entwickelt und die so genannte Ortsspezifik ist mittlerweile zum kanonischen Attribut zeitgenössischer Kunst geworden. Ich möchte für diese künstlerischen Eingriffe heute Abend statt dessen einen anderen Begriff ins Spiel bringen, nämlich den der Ortsbindung (nach Massimo Birindelli, Ortsbindung, 1987) als formale architektonische wie künstlerische Praxis, strukturelle Zusammenhänge zwischen Platz bzw. städtischem Raum und deren architektonischer wie nicht-architektonischer Umgebung herzustellen. Mit dieser Ortsbindung wird Raum vermittels Blickachsen, Proportionen, Materialien, der Topographie und künstlerischen Setzungen gebildet. Kommt der soziale Raum hinzu, stellt auch die Zwischen- oder Umnutzung eine Ortsbindung her, indem sie einen neuen sozio-politischen Rahmen für den bekannten oder zu entdeckenden Ort anbietet, ihn als temporäre ästhetische Einheit für eine andere, künstlerische Wahrnehmung erschließt und zugleich für weitere Kontexte öffnet. Die vier beteiligten Künstler/innen setzen dafür in der Neuenlander Straße so unterschiedliche künstlerische Verfahren ein wie die Collage, Installation, Skulptur, Schriftzeichnung und Videofilm.

Marion Lehmann fächert die vormals gute Stube mit einem zweiteiligen Rahmenwerk von innen auf, ortsfremd und raumfüllend. Ausblicke, Durchsichten, eine partielle Kursivierung durch das einseitig schräg verlaufende Rahmenwerk aus vierkantigen Hohlkörpern und eine zurückgebliebene Deckenleuchte, die von dem Kunstobjekt mehr oder weniger brachial zur Seite geschoben wird, vermitteln nicht nur Volumina, Materialität und Oberflächenästhetik, sondern die Beengtheit steht auch sinnbildlich für eine Verdrängung von Lebensraum, die mit Um- oder Zwischennutzungen in der Regel einher geht.

Kornelia Hoffmann arbeitet mit den Verfahren der Verschachtelung und Verdichtung. Ihr raumkonstruktives Bild akzentuiert die Fassade des historistischen Bremer Hauses neu. Aufnahmen von Treppen, Türen, Korridoren, die in seinem Innern entstanden sind, bieten das Material für ihre Außenraum-Collage. Im Innern des ersten Stockwerks wird die Anhäufung von so genannter Biomasse, zerschredderte Möbelreste vom Recycling-Hof, durch die gezielte ästhetische Setzung zu einer Assemblage, die verschiedene emotionale Raumzustände wie Dichte, Masse, Überlagerung, Opazität und Verlust veranschaulicht. In dem ehemals zur Bar umgebauten Nebenraum platziert Hoffmann eine Textzeichnung nach Margret Atwood über Heimatlosigkeit.

Patricia Lambertus führt die Besucher hinunter in den Keller zu einer Tapetencollage, die nahezu unscheinbar bereits am Treppenabsatz zur Haustür beginnt. Die Betrachtung fordert körperliche Bewegung wie Abstieg, seitliche Wendung und halbe Drehung zur Rückkehr sowie darüber hinaus das eigene Bildgedächtnis. Keller provozieren oft ein beklemmendes Gefühl, das hier in der hintersten Ecke durch eine Raumbearbeitung ins Faszinierende gewendet wird. Eine eigens gefertigte Sperrholzwand teilt, wie halb zerstört, den Raum in zwei Kompartimente. Eine Foto-Tapete zeigt verbranntes Holz von frappierender Schönheit. Gedanken aus dem Hinterstübchen drängen sich nach vorne. Lambertus aktiviert mit ihren Bildtapetencollagen die Gefühlswelt und deren Affizierbarkeit durch Raum.

Ralf Küster verlässt im letzten Kellerraum bewusst die oben genannte Ortsbindung der vorherigen Eingriffe, ohne auf das Thema der Zwischennutzung zu verzichten. Lange Einstellungen mit feststehender Kamera zeigen ein weites Feld aus Boden und Luft, durchtrennt nur von scharf geschnittenen Horizonten. Sein klares Framing erlaubt minimale erzählerische Bild- und Tonereignisse innerhalb einer Einstellung: Vögel „beharken“ sich gegenseitig im Fluge, ein Fahrradfahrer entfernt sich in die Tiefe des Bildes, Nutzarchitektur steht verlassen im Wind. Küster hat auf dem Flughafen Tempelhof gefilmt. Das gigantische Gebäude der Nazizeit und sein Rollfeld sind durch die Schließung zur riesenhaften Leerfläche worden und harren der künftigen Nutzung inmitten der Metropole Berlin. …

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